„Müßiger Leser! Ohne Eidschwur kannst du mir glauben, daß ich wünschte, dieses Buch, als der Sohn meines Geistes, wäre das schönste, stattlichste und geistreichste, das sich erdenken ließe. Allein ich konnte nicht wider das Gesetz der Natur aufkommen, in der ein jedes Ding seinesgleichen erzeugt. Und was konnte demnach mein unfruchtbarer und unausgebildeter Geist anderes erzeugen als die Geschichte eines trockenen, verrunzelten, grillenhaften Sohnes, voll von mannigfaltigen Gedanken, wie sie nie einem anderen in den Sinn gekommen sind?“

Miguel de Cervantes Saavedra: 'Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha', erstmals erschienen 1605; hier in der Übertragung von Ludwig Braunfels

 

„Es war in unsres Lebensweges Mitte,

als ich mich fand in einem dunklen Walde:

denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

Dante Alighieri: 'Die Göttliche Kommödie'; um 1307 bis 1320; hier in der Übertragung von Karl Witte

 

 

So beginnen meine beiden Lieblingsbücher – deren es aber noch weitere gibt. Dass beide Werke schon so alt sind, ist lediglich ein Zufall. Sie zeigen aber, dass Topografien nicht nur Beiwerk sind. Quijote ohne Mancha und ohne Windmühlen? Dante ohne Wald? Landschaften sind Raum und Grundlage.

 

Welten im Allgemeinen und Orte im Besonderen wurden schon viele gemalt und fotografiert. Da nichts zu wiederholen oder aufzuwärmen ist schwer. Trotzdem wird hier neu definiert. Begonnen hat das mit konventionellen Bildern: Hintergrund, Mittelgrund, Vordergrund. Mit der Zeit hat sich dann alles am Horizont verdichtet – und der Himmel wurde ausgelagert. Und dabei ist das, was Sie zu sehen bekommen, liebe(r) Betrachter*in, nicht das, was Sie wohl zunächst zu sehen meinen.

 

Es geht um Wahrnehmung, Sehmechanismen, Gewohnheiten, Muster, Komprimierung und das Wesentliche. Ohne – natürlich – zu wissen, was das Wesentliche ist. Schon die Annäherung daran wäre langweilig und vielleicht sogar langfristig trostlos, wenn sie lediglich auf ein Ergebnis ausginge. Und trotzdem soll das Finden zu sehen sein, die Suche aber nicht. Auch wenn sich das Unlogisch liest. In der Malerei geht das.

 

Was ist noch gegenständlich – und was ist schon abstrakt? Oder umgekehrt. Die exakte Linie dazwischen ist bei jedem anders. Bei meiner Oma war sie jedenfalls anders, als sie es bei mir ist. Die Augen sind komplex – und erst recht der Mensch, der dranhängt.

 

Es geht mir also darum, was Sie sehen; nicht, was ich vielleicht gewollt habe, dass Sie es sehen mögen. Ganz zufällig passt da ein bisschen der Schluss aus Dantes 'Commedia':

 

 

„Wie mit dem Kreise jenes Bild sich einigt,

und wo sein Platz drin ist, wollt ich erkennen,

doch nicht vermochten das die eigenen Flügel;

da wurde plötzlich wie von einem Blitze

mein Geist durchzuckt, und das Ersehnte kam.

Hier schwand die Kraft der hohen Phantasie;

doch schon bewegte Willen und Verlangen

mir, wie ein gleichbewegtes Rad, die Liebe,

die kreisen macht die Sonne wie die Sterne.“

 

 

 

 

 


 

 

"Idle reader! Without an oath thou mayst believe, that I wish this book, as the child of my understanding, were the most beautiful, sprightly, and discreet production that ever was conceived. But it was not in my power to contravene the order of nature, in consequence of which, every creature procreates its own resemblance: what therefore could be engendered in my barren, ill-cultivated genius, but a dry meagre offspring, wayward, capricious, and full of whimsical notions peculiar to my own imagination..“

Miguel de Cervantes Saavedra: 'The History and Adventures of the renowned Don Quixote'; first published in 1605; translated by Tobias Smollett.

 

"Midway upon the journey of our life

I found myself within a forest dark,

For the straightforward pathway had been lost."

Dante Alighieri: 'Divine Comedy'; about 1307 to 1320; translated by Henry Wadsworth Longfellow.

 

 

Those are the beginnings of my two favourite books – of which there are more. The fact that both of these works are so old is a mere coincidence. Both of them show that topographies are more than accessories. Quixote without Mancha, without windmills? Dante without forest? Landscapes are space and foundation.

 

Worlds in general and places in particular have been painted and photographed many times. Hence, repetition is hard to avoid. Nevertheless, it is redefined here. It started with conventional paintings: Background, center ground, foreground. Over time, everything has condensed into the horizon - and the heavens have been moved. And what you get to see, dear viewer, is not what you at first believed to see.

 

It is about perception, visual mechanisms, routines, patterns, compression and the essential. Without - of course - knowing what the essential is. Even approaching it would be boring, perhaps even bleak in the long run, if it were merely based on a result. And yet the finding is to be seen, but the search is not. Even if it reads illogical. In painting, it is possible.

 

What is still figurative - and what is already abstract? Or vice versa. The dividing line between the two is drawn in a different place, by every individual. My grandma certainly drew it in a different place than I do. Our eyes are complex - and even more so the human body attached to them.

 

In the end, it is about what you see, not what I might have wanted you to see. By chance, a piece from the conclusion from Dante's 'Commedia' seems to fit:

 

 

"I wished to see how the image to the circle

Conformed itself, and how it there finds place;

But my own wings were not enough for this,

Had it not been that then my mind there smote

A flash of lightning, wherein came its wish.

Here vigour failed the lofty fantasy:

But now was turning my desire and will,

Even as a wheel that equally is moved,

The Love which moves the sun and the other stars."

 

 

Translation: Eva-Maria Glahn